Die Rückkehr der Störche

Leseprobe

Mensch,

wem sonst, außer dir selbst, erwartest du in anderen Menschen
zu begegnen?

Du selbst bist Himmel und Hölle

Du selbst bist Hell und Dunkel

Du selbst bist Engel und Teufel

Du kannst nichts anderes im anderen finden als deine eigenen
unerfüllten Erwartungen, solange du sie nicht selbst erfüllst.

Kein anderer Mensch kann dies für dich tun.

Denn du selbst bist Schöpfer und Zerstörer deines Lebens

Du selbst bist alles

Du selbst besitzt alles

Du bist nicht einsam – du bist all-ein-s!

Wenn du dies annimmst und darauf vertraust,
BRAUCHST du die Menschen nicht mehr!

Und begegnest Gott in dir…

 

(G.C.J. Couillez)

 

 

 

Kapitel  1

Silvester 1817

Die blanken Kacheln des großen Ofens in der guten Stube strahlen die Hitze der glühenden Holzscheite im Innern wieder, die er gemeinsam mit dem Knecht den ganzen Tag lang gesägt, gespalten und gestapelt hat. Jetzt wärmen sie wohlig seinen schmerzenden Rücken und schenken ihm die Geborgenheit, die er so sehr, besonders in diesen Tagen, vermisst. Wilhelm hat seinen Kopf mit dem struppigen, flachsblonden Haarschopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Er träumt sich nach Hause, nach Mannheim, zu seinem um ein gutes Jahr älteren Bruder Karl und zu seiner Mutter. – Ach, seine hübsche Mutter mit ihren melancholischen Augen! Sie würde ihm jetzt mit ihrer zarten Hand seinen Scheitel glatt streichen und ihn mit matter Stimme wegen seiner vom Wind zerzausten und vom Sägemehl staubigen Mähne tadeln: Wilhelm! Was sollen die Leute von mir denken, wenn meine Buben unordentlicher als die Bäckerkinder aus der Nachbarschaft herumlaufen. Vergiss nicht, wer wir sind! Auch wenn wir uns nur diese kleine Mansardenwohnung und eine tölpelhafte Dienstmagd leisten können, sind wir immer noch von Adel. Ich leide schon genügend unter der Schmach, dass euer Vater sich von mir hat scheiden lassen. Bereitet wenigstens ihr mir keine Schande…

Wilhelm setzt sich wieder aufrecht auf die Ofenbank und befühlt dabei heimlich das steife Papier in seinem Hosensack. Dass ihm der Brief nur nicht doch noch aus der ausgerissenen Ecke am Hosenbund herausspitzelt, wenn er möglicherweise gleich aufstehen muss, um dem Onkel und dem Großvater noch eine Maß Bier aus dem Wirtshaus zu holen! Die Verwandtschaft seiner Mutter ist schrecklich neugierig und würde nicht ruhen, bis sie die Zeilen seines Bruders nach ihrer Fasson gedeutet hätte. Er muss sich mit dem Lesen gedulden, bis er sich für einen Moment alleine in die Schlafkammer der Kinder zurückziehen kann. Ohne seine lästigen, kreischenden kleinen Cousinen, die bei jeder Gelegenheit um ihn herumhüpfen, und ohne seine eifersüchtig über ihn wachenden älteren Vettern. Dies war das Beste am heutigen Brennholzmachen, dass er die Post für den Freiherrn von Furtenbach vor seiner Tante abfangen konnte.

Einträchtig sitzen die Großeltern und ein paar der Geschwister seiner Mutter hier beisammen, um heute gemeinsam feierlich das alte Jahr zu verabschieden, während einer seiner Onkel zum hundertsten Male in diesem Monat erzählt, wie er dem Waldhüter ein Schnäppchen geschlagen hat, damit der ihn beim „Besorgen des Christbäumchens“, das fast bis zur Stuckdecke ragend die Stubenecke schmückt, nicht ertappte. Die Kinder suchen indes noch das letzte Zuckerwerk und die Gebäckkringel von den unteren Zweigen des Weihnachtsbaumes zu erhaschen. Nur noch die rotbackigen Äpfel und die Walnüsse sind neben den Strohsternen, dem Rauschgoldengel auf der Spitze und den neu ausgetauschten Kerzen, die sich verzehrend ihr honigsüßes Aroma verbreiten, übriggeblieben.

„Das Abhauen der Maien, es geschehe, um Kirchen, Häuser und freie Plätze damit zu zieren oder zu anderem Behufe, zur Pfingstzeit oder sonst, ingleichen das Abhauen junger Tannen, Fichten und Kiefern zur Weihnachts- oder anderer Zeit wird schlechterdings untersagt.“ Alle lachen schallend, als der Großvater mit erhobenem Zeigefinger, gespielter Strenge und übertriebenem Hochdeutsch – das seinen fränkischen Akzent nicht überdecken kann – dieses neue Gesetz zitiert.

Der Duft aus dem Ofen in der Küche verrät, dass der Karpfen bald gar ist. Wilhelm freut sich besonders auf die Salzkartoffeln mit Butter und die Meerrettichsoße mit Sahne.

 „Bass’ doch aaf!“, keift die Köchin die Magd an, als die mit ihren Holzpantinen in der Eile versehentlich den Eimer mit den Küchenabfällen umstößt. Scheppernd rollt dieser über den gefliesten Boden bis an die Türschwelle zum Flur. Durch die offenstehende Tür sieht Wilhelm ein paar perlmuttfarbene Karpfenschuppen herausfallen und erinnert sich an die Erzählung seiner Mutter über den glücksverheißenden Brauch, sich diese vom Silvestermahl in sein Portemonnaie zu stecken. Er will auch eine an seinen Bruder schicken, denkt er und schnellt von der Ofenbank, um der Magd mit dem Eimer zu helfen.

„Ich bring ihn rüber zu den Schweinen“, bietet er sich an und eilt nach draußen.

„Georg Wilhelm! Wasch der dei Händ, wenn’d z’ruckkummscht, hülfst dann beim Tischdecke“, ruft ihm die Großmutter aus der Stube hinterher. „Und kämm dei Hoar aus, du machst mer den ganze Teppich dreckerd!“

Die miefige Wärme des Schweinestalls schlägt Wilhelm entgegen, als er den Eisenriegel zurückschiebt und den Eimer mit den Kartoffelschalen, schimmeligen Brotkanten, die nicht mehr für in Kaffee Eingebrocktes zum Frühstück taugen, und den Fischschuppen in den Trog kippt. Die zwei aufgeklaubten Karpfenschuppen legt er vorsichtig auf einen Sims neben der Tür. Seinen ausgerissenen Hosensäcken kann er sie nicht anvertrauen.

Ihm bleibt nicht viel Zeit. Man wartet auf ihn mit dem Tischdecken und sein ewig hungriger Magen knurrt auch schon. Aber wenigstens einmal kurz überfliegen will er den Brief von daheim. Ungeduldig reißt er den Umschlag auf. „Nürnberg“ steht da unterstrichen vor dem Datum des zweiten Tages nach Heiligabend! Und Wilhelm lächelt über diese Andeutung Karls, mit der er ihm wohl zeigen will, dass er in Gedanken bei ihm ist.

Lieber Bruder! Sonderbar wird es Dir scheinen, dass ich zu Mannheim mit Nürnberg, den 26. Dezember, dies überschreibe; allein ich weiß es doch. Du aber überschreibst Deinen Brief ganz in Deiner Unschuld mit Mannheim, da Du doch über 55 Stunden davon bist, welches uns sehr zu lachen machte, als ich’s bemerkte. Dass Du bei Gölers als unter alten Bekannten bist, ist mir lieb; indes mache Du ihnen nicht zu viele Kosten, führe Dich gut auf, sauf nicht zu viel Kaffee und werde nicht zu dick.“ – Wilhelm ist froh, die Zurückgezogenheit des Schweinestalls um sich zu haben, denn er hat sich nun schon mehrmals selbst beim lauten Auflachen erwischt. – „Ein andermal mach in Deinen Briefen keine solchen Bocksprünge und schreibe alles nach der Ordnung!“, liest Wilhelm weiter und denkt bei sich, dass Karl nicht weiß, wie es ist, wenn man heimlich in kurzen Etappen schreiben muss. „Du schreibst, Du äßest bei Gölers schon drei Tage hintereinander und schliefest nun auch bei ihnen; das kommt mir lustig vor.“ – „Besser bei dieser einfachen Handwerkerfamilie in Lauf als bei den Großeltern hier in Reichenschwand“, kommentiert Wilhelm halblaut und fühlt sich wieder wie ein Klotz am Bein seiner Familie. Er weiß ja, dass es sich die Furtenbachs auch nicht auf Dauer leisten können, den Sohn eines ihrer fünfzehn Kinder bei sich aufzunehmen, da sie durch die Kriege mit Napoleon und die folgenden Reformen ihren Reichtum eingebüßt haben. Aber er hat sich bei ihnen dennoch mehr Nestwärme erhofft.

Du klagst darüber, dass es in Nürnberg so tot sei; bei uns ist es nur noch lebendiger. Drei Mal hat es gebrennt, in drei Tag allemal um acht Uhr. Im Kleinen Rhein war kein Tropfen Wasser mehr, im Neckar blieben mehrere Mal große und kleine Schiffe sitzen. Noch gibt es gar kein Eis, es schneit heute zum ersten Male. Da ich mir unterdessen sieben rosshaarene Schnüre gemacht hatte, ging ich mit einer Schnur von fünfzig Haaren, dreifach gedreht, an den Neckar hinters Deurers und fing dort einen Hecht von – ist’s möglich – von elf Pfund, den ich mit Hilfe eines alten Mannes, der Holz auflas, herauszog.“ Wilhelm schnalzt anerkennend mit der Zunge.

Dass Du mir ja in Deinem Grimm die alten, schwarzen Häuser aus Quadersteinen nicht umwirfst!“ Wieder muss Wilhelm über diese treffende Bemerkung seines Bruders bezüglich seines innerlich angestauten Unmutes laut auflachen. Er kennt ihn eben gut, der Karl. Im Geiste sieht er seinen großen Bruder mit dessen wasserblauen Augen vor sich, wie er ihn verschworen angrinst, sein rundes Gesicht von blonden Locken umrahmt, die sommersprossige Haut auf der Nase kräuselnd und dann den Finger warnend auf die schmalen Lippen legend, wenn sie wieder einmal gemeinsam einen Streich ausgeheckt hatten…

Wenn es jetzt in der Nürnberger Gegend nicht schön ist, so wird’s im Sommer desto schöner sein. Wage Dich auf dem Eise nicht; schreib mir: sind die Schlittschuhe gut? Woher hast Du sie? Wo läufst Du auf ihnen? – Dass Du in dem fingerdicken Schnee im Odenwald nicht versunken bist, nimmt mich heut’ noch wunder! Du bekommst neue Schuhe, höre ich. Wenn sie Dich drücken, lass sie über den Leis schlagen! Wohl verstanden.“ Wilhelm blickt hinunter auf seine schönen, neuen Schuhe, die er zu Weihnachten bekommen hat, und bewegt seine Zehen darin. Nein, das schwarze Leder drückt ihn nicht. Die Tante hat den Schuhmacher beauftragt, sie größer zu machen, da der junge Bursche mit seinen dreizehn Jahren noch im Wachstum sei und sie nicht das Geld habe, ständig neue Schuhe für den Sohn ihrer Schwester Meta machen zu lassen. Und der Schuhmacher hat sich geflissentlich daran gehalten, um seine hochwohlgeborene Kundschaft nicht zu verstimmen. Selbst mit zwei Paar dicken Socken scheuern sie ihm noch beim Gehen über die Fersen, dass er Blasen bekommen würde, hätte ihm die Großmutter nicht noch ein paar Einlegesohlen aus mehreren Schichten von Großvaters alter Zeitung ausgeschnitten. Trotzdem sind sie so schön mit ihrem glänzend schwarzen Leder, denkt Wilhelm und poliert mit ein wenig Spucke einen Lehmfleck weg, bevor er seine Augen wieder auf das raschelnde Briefpapier in seiner anderen Hand richtet.

Heute Nacht ist hier der Kleine Rhein, in dem tags zuvor kein Wasser war, sechs Schuh gewachsen, so dass die Mühl geht. Das Neckar- und Rheinwasser sind beide ganz gelb. Die Angeln magst Du nur behalten. An Deinem Geburtstag will ich Dir Wunderdinge schicken. Wenn Du mir schreibst, schreib das ‚Du‘ groß, hörst Du, und nicht klein!“ – „Eitler Pfau“, lacht Wilhelm. „Du bist kaum älter als ich und musst dich immer als großer Bruder aufspielen!“

Auch schreibe mir nimmer von Mannheim aus. Wir erhielten Deinen Brief am 26. Dezember. Die Lebkuchen waren schon verzehrt, ehe ich die Antwort schrieb.“ – Ja, die Lebkuchen vom Christkindelsmarkt waren lecker, erinnert sich Wilhelm und schreckt auf, als er die Stimme des Onkels ungeduldig seinen Namen über den Hof rufen hört. – „Nur noch wenigstens den Schluss“, hastet Wilhelm über die akkurate Schrift seines Bruders ans Ende: „…Einen Gruß vom Ofenputzer, vom Schornsteinfeger, vom Kärcher Diffené, vom Herrn Brandel und von Deinem Bruder…“ – Ah, und noch schnell den Satz in der Handschrift von der Mutter: „Carl fing einen großen Hecht von elf Pfund!“ 

„Ach, Mutter“, seufzt Wilhelm wehmütig. „Ich würde jeden Tag einen für dich fangen, wenn ich nur bei euch daheim in Mannheim wäre…“  

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